Kritik: „Modern Family“

Ich habe mal ein wenig in meinem riesigen (Gedächtnis-) Serienfundus gekramt und folgende Serienperle gefunden: „Modern Family“. Während „Veronica Mars“ und „Luther“ vom ZDF im Nachtprogramm versteckt wurden, wird „Modern Family“ fast unbemerkt auf dem Spartenkanal RTL Nitro regelrecht versendet. In Deutschland haben es gute Serien nicht leicht. Auf RTL Nitro läuft derzeit die 3. Staffel der Comedyserie immer donnerstags um 20.15 Uhr.

Im Mittelpunkt steht die Familie Dunphy/Pritchett, angeführt vom abgeklärten Familienoberhaupt Jay. Dieser ist mit der halb so alten, üppig ausgestatteten und lauten Kolumbianerin Gloria verheiratet, die ihren in manchen Situationen recht merkwürdig anmutenden Sohn Manny mit in die Ehe gebracht hat. Seine mitunter pedantische, besserwisserische und gut organisierte Tochter Claire ist mit dem leicht chaotischen und kindlich wirkenden Phil verheiratet. Ihre Kinder könnten unterschiedlicher nicht sein: Haley interressiert sich vor allem für Partys und Jungs und ist in der Schule nicht gerade die Beste, während ihre Schwester Alex mit hervorragenden Noten überzeugt, dafür aber keine Sozialkompetenz aufweist. Luke, der Jüngste, kommt ganz nach seinem Vater. So tollpatschig wie er ist kein anderer. Claires Bruder Mitchell, Rechtsanwalt und ordnungsliebend, hat mit seinem aufgedrehten Lebenspartner Cameron Lily aus Vietnam adoptiert. Soweit die Familienverhältnisse.

„Modern Family“ kommt als sogenannte Mockumentary daher. Es hat den Anschein, als handle es sich bei der Serie um eine Dokumentation. Und darin liegt die Stärke von „Modern Family“: Die Erklärung, die die Familienmitglieder gegenüber den vermeintlichen Regisseuren und Kameramänner abliefern, oder welche Blicke sie ihnen zuwerfen, sind göttlich. Während ich bei anderen Serien meist eine Figur nicht besonders ausstehen kann (bei „Friends“ war es Phoebe, bei „Grey’s Anatomy“ ist es April) möchte ich hier niemanden missen. Das Zusammenspiel ist einfach zu perfekt, die Schauspieler sehr gut ausgesucht (allen voran Ed O’Neill, den ich früher als Al Bundy in „Eine schrecklich nette Familie“ nie wirklich leiden konnte, ihn hier aber genial finde). Die Witze sind nicht so abgenudelt wie bei „Two and a half men“, den Machern fällt immer wieder etwas Neues ein. So kann es gerne noch ein paar Staffeln weitergehen!

Kritik: „Das geheime Bild“ von Eliza Graham

© Blanvalet Verlag

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich „Das geheime Bild“ von Eliza Graham mit in meine Liste der empfehlenswerten Bücher aufnehmen soll. Die ersten 200 Seiten war ich ganz angetan von der Geschichte, die sich um eine Privatschule in England dreht, in der Meredith als junges Mädchen mit ihrer Schwester Clara unter einem Wandgemälde ihrer Mutter ein Bild einer anderen, fremden Frau entdeckt. Seit der Entdeckung sind einige Jahre ins Land gezogen und Meredith kehrt, nachdem ihre Mutter gestorben ist und ihr Ehemann schwer im Krieg verletzt wurde, als Aushilfslehrerin nach Letchford zurück. Dort wird sie mit einem ungewöhnlichen Vorfall konfrontiert: Irgendjemand hat in einem Klassenzimmer eine ziemlich echt wirkende Reborn-Babypuppe zurückgelassen, die auch noch mit einem Messer „erstochen“ wurde. Nach und nach lüftet sich außerdem das Geheimnis um die mysteriöse Frau unter dem Gemälde. Die Wege führen ins ehemalige Böhmen.

So weit, so spannend. Der Beginn ist eine gelunge Mischung aus Familiengeschichte und Geschichtsrückblick mit Krimianleihen. Doch irgendwie hat sich die Autorin keinen Gefallen dabei getan, zwei verschiedene Geheimnisse parallel laufen zu lassen. So kommen beide Erzählstränge irgendwie zu kurz und werden zum Schluss ziemlich schnell abgehandelt. Besonders aus den Ereignissen, die 1968 in Prag spielen, hätte man viel mehr herausholen können. Das Lebensgefühl wird nur kurz angerissen, aber nicht weiter verfolgt. Auch die Auflösung, wer nun hinter der Sache mit der Puppe und weiteren merkwürdigen Vorkommnisse steckt, wirkt nicht wirklich überzeugend. An einigen Stellen fand ich sie sogar ein wenig lachhaft (einzig der Epilog hat mich in dieser Hinsicht ein wenig besänftigt).

Warum dann doch die Aufnahme in die Liste? Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und man hat zwei Drittel des Buches auch wirklich Spaß am Lesen. Vielleicht findet ihr ja den Schluss genau richtig. Außerdem schafft es Eliza Graham sehr gut, diesen typischen „In-einem-Internat-kann-es-nur-interessant-sein-denn-dort-passieren-die-tollsten-Dinge-Gedanken“, den man als Kind/Jugendlicher hatte, in einem wach zu rufen.

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Eliza Graham, Das geheime Bild, erschienen im Blanvalet Verlag, aus dem Englischen von Elfriede Peschel, € 9,99 [D]

Taschenbuch, Broschur, 384Seiten, ISBN: 978-3-442-37848-7

Kritik: „The Help“ von Kathryn Stockett

© btb Verlag

Vor einiger Zeit drückte mir die Törtchentante mit dem Kommentar „Irgendwie passiert da nicht viel, trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen“ das Buch „The Help“ (im Deutschen auch unter dem Titel „Gute Geister“ bekannt) in die Hand. Ich hatte bereits von der Verfilmung gehört, war zu dem Zeitpunkt aber noch nicht dazu gekommen, sie mir anzuschauen. Jetzt lag also das Buch vor mir. Die ersten Seiten waren ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn Kathryn Stockett — selbst in Mississippi aufgewachsen — versucht den Tonfall der schwarzen Haushaltshilfen nachzuahmen. Doch man gewöhnt sich schnell an die Wörter und Sätze in Umgangssprache.

Die Geschichte spielt in den 1960er-Jahren in einer Kleinstadt in Mississippi. Erzählt wird aus der Sicht der Haushaltshilfen Minny, Aibileen sowie der aufstrebenden (weißen) Nachwuchsreporterin Skeeter. Sie ist es auch, die mehrere Hausangestellte dazu bringt, anonym von ihren Erfahrungen mit ihren Auftraggebern zu berichten. Und so taucht man hinein in eine Welt, in der sich die ruhige und besonnene Aibileen um die Erziehung der kleinen Mae Mobley kümmern muss, da deren Mutter nur wenig mit ihr anfangen kann. Minny, das genaue Gegenteil von Aibileen, erweist sich als unerwartete Stütze für die nur wenig beliebte, leicht prollig und naiv wirkende Celia. An einigen Stellen muss man immer wieder den Kopf schütteln, wenn man sich vorstellt, dass es früher in einigen Haushalten so oder so ähnlich abgelaufen sein muss und wie wenig schwarze Frauen und Männer geachtet wurden. Am besten haben mir jedoch die Stellen gefallen, in denen Skeeter zu Wort kommt. „Mitzuerleben“ wie ihr nach und nach bewusst wird, wie oberflächlich ihre Freundinnen doch eigentlich sind, hat großen Spaß gemacht.

Die Törtchentante hat recht, viel passiert im Buch nicht. Aber das muss auch gar nicht immer sein. Hier geht es vielmehr um den Inhalt und nicht darum, wie viele Leute sterben, wer mit wem eine Beziehung anfängt oder wer die besten Intrigen spinnen kann. Einzig missfallen hat mir die Kuchengeschichte. Ich glaube nicht, dass es jemanden nicht auffallen würde, was und welchen Inhalt er da gerade verspeist. Da hätte sich Kathryn Stockett etwas Besseres einfallen lassen können.

P.S.: Den Film habe ich inzwischen auch gesehen. Doch er hat mir leider gar nicht gefallen (nein, nicht alle Literaturverfilmungen sind per se schlecht). Er war langweilig inszeniert und die Figuren waren total überzeichnet, besonders die der Celia.

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Kathryn Stockett, Gute Geister, erschienen im btb Verlag, € 9,99 [D]

Taschenbuch, Broschur, 608 Seiten, ISBN: 978-3-442-74508-1

Kritik: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

Seit Ewigkeiten hat es endlich wieder ein Buch geschafft, dass ich mich darauf gefreut habe, abends vor dem Schlafengehen noch ein paar Seiten zu lesen. Als ich mir „Ein ganzes halbes Jahr“ aus der Bücherei ausgeliehen habe, habe ich eigentlich nicht allzu viel von dem Werk erwartet, da der Klappentext nicht unbedingt Lust auf mehr gemacht hat und die Ausgangssituation einem doch recht bekannt vorkommt: Lou verliert ihen Job im Café und landet daher als (Pflege-)Hilfe bei Will Traynor, der gelähmt im Rollstuhl sitzt. Klingt nach „Ziemlich beste Freunde“, ist es am Anfang auch. Doch die Vorzeichen sind andere. Ist der Film eher als Komödie angelegt, verfolgt das Buch von Jojo Moyes trotz einiger komischer Passagen einen etwas ernsteren Ton. Bitte nur weiterlesen, wer den Schluss kennt oder keine Probleme damit hat, dass ihm einige wichtige Details verraten werden. Ich finde bei diesem Buch kann man keine Rezension schreiben, ohne auch auf das Ende einzugehen.

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Lou versucht alles, um Will aus seiner Lethargie zu reißen und ihn von seinen Depressionen zu befreien. Sie plant Ausflüge, die zum größten Teil völlig schiefgehen und Will überhaupt nicht angenehm sind, weil er nicht von Außenstehenden angestarrt und bemitleidet werden möchte. Vielmehr vermisst er es weiterhin, dass er nicht mehr der agile Mann von früher sein kann, der sein Leben mit vollen Zügen genossen hat. Bereits vor der Anstellung von Lou hatte er daher beschlossen, nach einer halbjährigen, hauptsächlich seiner Familien zuliebe vereinbarten Überbrückungszeit das Angebot des in der Schweiz ansässigen Vereins Dignitas in Anspruch zu nehmen und mit deren Hilfe freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Es hat mich sehr gefreut, dass das Thema Sterbehilfe aufgegriffen wurde. Ich kenne bisher nicht viele Autoren, die sich an das Thema herangetraut haben. (Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang ist der dokumentarische Bericht „Tanner geht. Sterbehilfe — Ein Mann plant seinen Tod“ von Wolfgang Prosinger).

Auf der einen Seite steht Lou, die nicht verstehen kann, dass Will nicht imstande ist trotz Behinderung die schönen Seiten im Leben zu entdecken. Auf der anderen Seite pocht Will auf sein Recht der Selbstbestimmung. Sehr gelungen fand ich, dass Moyes der Versuchung widerstanden hat, der aufkeimenden Liebesgeschichte ein Happy End zu bereiten. So hätte das Buch nur an Glaubwürdigkeit verloren. Zum Glück hat sie Wills Wunsch konsequent durchgezogen und somit gezeigt, dass nicht immer Liebe das Allheilmittel schlechthin ist. Will geht seine Würde — er kann im Gegensatz zu früher nicht mehr selbstständig für sich selbst sorgen und ist immer auf andere angewiesen — über seine Gefühle zu Lou, was sie zum Schluss letztendlich auch einsieht.

Einige Kritiker werfen Moyes vor, dass ihre Sätze keine Tiefe besitzen, sie sich einfachster Vokabeln bemächtigt und das Buch die Thematik Sterbehilfe nur an der Oberfläche behandelt. Das mag alles sein, dennoch hat es das Buch geschafft, mich zum Nachdenken anzuregen: Was würde ich machen, wenn ich in Wills oder Lous Situation wäre? Wenn es ein Buch schafft, dass man für einen kurzen Moment innehält und über seine Einstellung zu bestimmten Themen nachdenkt, dann ist es mehr als lesenswert — und wenn es nur als Einstieg zur weiterführenden Literatur dient.