Kritik: „Ein Mann namens Ove“

Wer noch auf der Suche nach einer locker-leichten Lektüre für den Urlaub, den Strand oder dem Zubettgehen ist, dem empfehle ich „Ein Mann namens Ove“ von Fredrik Backman. Zwar wurde die Thematik „Mürrischer-alter-Mann-trifft-auf-(Ausländer)Familie-mit-Kindern-und-zeigt-seine-weiche-Seite“ in der Vergangenheit schon mehrfach aufgegriffen (z. B. in „Gran Torino“ oder „St. Vincent“), doch Backman erzählt die Story in solch einem witzigen, erfrischenden, leichtfüßigen und mitunter ironischen Ton, dass es ein Spaß ist, das Buch zu lesen. Die gesamte Zeit über verspürt man ein kleines Lächeln auf den Lippen. Zudem werden in Nebensätzen immer wieder Anmerkungen −natürlich in Form von Oves bissigen Kommentaren − über die Entwicklung der Gesellschaft eingestreut, die doch eine große Portion Wahrheit enthalten und denen ich vollkommen zustimme.

Ove hat so seine ganz eigene Vorstellung, wie man sich im Leben und vor allem in seinem Wohnviertel zu verhalten hat. Mit seinen täglichen Kontrollgängen, in deren Verlauf er sich unter anderem penibel notiert, wer zum Beispiel trotz Verbotsschild falsch geparkt hat, geht er seinen Nachbarn teilweise gehörig auf die Nerven. Sein Leben, das durch den Tod seiner Frau Sonia einen großen Einschnitt erfahren hat, ändert sich von heute auf morgen, als die schwangere Parvaneh mit samt Ehemann und zwei kleinen Kindern in die Nachbarschaft zieht. Zwischenzeitlich erfahren wir, wie Ove zu dem Mann wurde, der er heute ist. Dabei wird ersichtlich, welch ein herzensguter Mensch er doch eigentlich ist.

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© FISCHER Krüger

Fredrik Backman „Ein Mann namens Ove“
FISCHER Krüger
368 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-8105-0480-7
€ (D) 18,99 | € (A) 19,60 | SFR 27,50

Kritik: „Das Rosie-Projekt“/„Der Rosie-Effekt“

Heute möchte ich euch nicht nur ein, sondern gleich zwei Bücher vorstellen/empfehlen, die innerhalb kürzester Zeit erschienen sind: „Das Rosie-Projekt“ und „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion. Beide Bücher handeln von Don Tillman, der ein wenig anders ist als alle anderen (wobei er mir bei dieser Aussage bestimmt direkt widersprechen würde).  Gut durchdachte Abläufe, liebgewonne Rituale  sowie vorbereitete Essens- und Zeitpläne bestimmen sein Leben. Sobald sich der Tagesablauf an nur einer Stelle verändert, gerät er in Panik. Selbst seine zukünftige Ehefrau möchte er mithilfe eines Fragebogens ermitteln, um auf diese Weise die perfekte Partnerin zu finden. Manch einer würde Don als Autisten bezeichnen (er sieht dies freilich nicht so).

Wie es kommen muss, trifft er auf Rosie, die so gar nicht seinen Vorstellungen von einer geeigneten Ehefrau entspricht. Gemeinsam gehen sie in „Das Rosie-Projekt“ das Rätsel an, wer Rosies Vater sein könnte. Schließlich ist Don Genetiker. Sämtliche Geschehnisse werden aus Dons Sicht geschildert. Und das ist das Tolle an den Büchern: Endlich mal keine emotionale, sondern eine pragmatische, rationale Sichtweise. Eine gelungene Abwechslung in der manchmal doch ähnlich gestrickten Romanwelt. Einige Denkweisen konnte ich sogar sehr gut nachvollziehen.

Ich hoffe, ich verrate nicht zu viel, wenn ich berichte, dass im zweiten Teil, „Der Rosie-Effekt“, Rosies Schwangerschaft im Mittelpunkt steht. Auch der Nachfolgeband hat mich insgesamt sehr gut unterhalten. Doch ich muss zugeben, dass mir Rosie mit ihren Erklärungen, warum sie mit Don und seinem Verhalten während dieser Zeit nicht klar kommt, auf die Nerven gegangen ist. Meine Sympathie für sie hielt sich dieses Mal in Grenzen.

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© FISCHER Taschenbuch

Graeme Simsion „Das Rosie-Projekt“
FISCHER Taschenbuch
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-596-19700-2
€ (D) 9,99 | € (A) 10,30 | SFR 14,90

 

 

 

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© FISCHER Krüger

Graeme Simsion „Der Rosie-Effekt“
FISCHER Krüger
448 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-8105-2258-0
€ (D) 18,99 | € (A) 19,60 | SFR 27,50

Kritik: „Wir sind doch Schwestern“

Anne Gesthuysen „Wir sind doch Schwestern" erschienen im Piper Verlag

© Piper Verlag

Heute stelle ich euch seit Langem endlich wieder ein Buch vor. Da ich in letzter Zeit stark beruflich eingespannt war, habe ich es nur abends kurz vorm Schlafengehen geschafft, ein wenig zu lesen. Meine Wahl fiel auf „Wir sind doch Schwestern“ von Anne Gesthuysen. Ein gute Wahl, wie sich im Nachhinein rausstellte. Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Getrud, Paula und Katty, die sich auf dem Tellemannshof treffen, um den 100. Geburtstag von Getrud zu feiern. Während der Vorbereitung kommen einige Begebenheiten aus der Vergangenheit erneut zur Sprache, die zum Zwist zwischen Getrud und Katty geführt haben. Getrud konnte ihren Verlobten Franz nicht heiraten, da dieser von seinem Bruder, dem Hofbesitzer Heinrich, quasi für den Krieg „freigegeben“ wurde. Heinrich gab an, ihn nicht für die Hofarbeit zu benötigen. Schließlich fällt Franz im Krieg. Heinrich war gegen eine Heirat der beiden, da er Getrud als nicht standeswürdig erachtete. Der eigentliche Konflikt zwischen den beiden Schwestern entsteht dadurch, dass die jüngere Katty von Heinrich auf dem Tellemanshof angestellt wird, als ihr Vater in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Katty und Heinrich, der eine politische Karriere anstrebt, verbindet eine besondere Freundschaft/Beziehung, die Getrud nicht gutheißt.

Wer jetzt ein Drama mit Tränen und Streitigkeiten ohne Ende erwartet, ist hier falsch. Vielmehr erzählt Anne Gesthuysen in ruhigen Worten und aus der Sicht der Schwestern die Geschichte . Wir bekommen einen intensiven Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Der Ton mutet locker-leicht an. Der Roman lässt sich wunderbar leicht lesen, also genau das Richtige, wenn man abends abschalten möchte. Viele passiert eigentlich nicht in „Wir sind doch Schwestern“, die Streitereien werden nur hier und da eingestreut. Es wird auf keine großen geschichtlichen Entwicklungen  eingegangen, obwohl Getrud in ihren 100 Lebensjahren einige Entwicklungen – seien sie politisch oder in gesellschaftlicher Hinsicht – durchgemacht haben muss. Einzige Ausnahme ist die Geschichte von Paula. Alles in allem bekommen wir eine Geschichte präsentiert, die sich angenehm lesen lässt, aber keine großen Emotionen hervorruft.

Anne Gesthuysen „Wir sind doch Schwestern“
erschienen im Piper Verlag
416 Seiten, Kartoniert
ISBN: 978-3-492-30431-3
€ 9,99 [D], € 10,30 [A], sFr 14,90

Kritik: „The Help“ von Kathryn Stockett

© btb Verlag

Vor einiger Zeit drückte mir die Törtchentante mit dem Kommentar „Irgendwie passiert da nicht viel, trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen“ das Buch „The Help“ (im Deutschen auch unter dem Titel „Gute Geister“ bekannt) in die Hand. Ich hatte bereits von der Verfilmung gehört, war zu dem Zeitpunkt aber noch nicht dazu gekommen, sie mir anzuschauen. Jetzt lag also das Buch vor mir. Die ersten Seiten waren ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn Kathryn Stockett — selbst in Mississippi aufgewachsen — versucht den Tonfall der schwarzen Haushaltshilfen nachzuahmen. Doch man gewöhnt sich schnell an die Wörter und Sätze in Umgangssprache.

Die Geschichte spielt in den 1960er-Jahren in einer Kleinstadt in Mississippi. Erzählt wird aus der Sicht der Haushaltshilfen Minny, Aibileen sowie der aufstrebenden (weißen) Nachwuchsreporterin Skeeter. Sie ist es auch, die mehrere Hausangestellte dazu bringt, anonym von ihren Erfahrungen mit ihren Auftraggebern zu berichten. Und so taucht man hinein in eine Welt, in der sich die ruhige und besonnene Aibileen um die Erziehung der kleinen Mae Mobley kümmern muss, da deren Mutter nur wenig mit ihr anfangen kann. Minny, das genaue Gegenteil von Aibileen, erweist sich als unerwartete Stütze für die nur wenig beliebte, leicht prollig und naiv wirkende Celia. An einigen Stellen muss man immer wieder den Kopf schütteln, wenn man sich vorstellt, dass es früher in einigen Haushalten so oder so ähnlich abgelaufen sein muss und wie wenig schwarze Frauen und Männer geachtet wurden. Am besten haben mir jedoch die Stellen gefallen, in denen Skeeter zu Wort kommt. „Mitzuerleben“ wie ihr nach und nach bewusst wird, wie oberflächlich ihre Freundinnen doch eigentlich sind, hat großen Spaß gemacht.

Die Törtchentante hat recht, viel passiert im Buch nicht. Aber das muss auch gar nicht immer sein. Hier geht es vielmehr um den Inhalt und nicht darum, wie viele Leute sterben, wer mit wem eine Beziehung anfängt oder wer die besten Intrigen spinnen kann. Einzig missfallen hat mir die Kuchengeschichte. Ich glaube nicht, dass es jemanden nicht auffallen würde, was und welchen Inhalt er da gerade verspeist. Da hätte sich Kathryn Stockett etwas Besseres einfallen lassen können.

P.S.: Den Film habe ich inzwischen auch gesehen. Doch er hat mir leider gar nicht gefallen (nein, nicht alle Literaturverfilmungen sind per se schlecht). Er war langweilig inszeniert und die Figuren waren total überzeichnet, besonders die der Celia.

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Kathryn Stockett, Gute Geister, erschienen im btb Verlag, € 9,99 [D]

Taschenbuch, Broschur, 608 Seiten, ISBN: 978-3-442-74508-1

Kritik: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

Seit Ewigkeiten hat es endlich wieder ein Buch geschafft, dass ich mich darauf gefreut habe, abends vor dem Schlafengehen noch ein paar Seiten zu lesen. Als ich mir „Ein ganzes halbes Jahr“ aus der Bücherei ausgeliehen habe, habe ich eigentlich nicht allzu viel von dem Werk erwartet, da der Klappentext nicht unbedingt Lust auf mehr gemacht hat und die Ausgangssituation einem doch recht bekannt vorkommt: Lou verliert ihen Job im Café und landet daher als (Pflege-)Hilfe bei Will Traynor, der gelähmt im Rollstuhl sitzt. Klingt nach „Ziemlich beste Freunde“, ist es am Anfang auch. Doch die Vorzeichen sind andere. Ist der Film eher als Komödie angelegt, verfolgt das Buch von Jojo Moyes trotz einiger komischer Passagen einen etwas ernsteren Ton. Bitte nur weiterlesen, wer den Schluss kennt oder keine Probleme damit hat, dass ihm einige wichtige Details verraten werden. Ich finde bei diesem Buch kann man keine Rezension schreiben, ohne auch auf das Ende einzugehen.

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Lou versucht alles, um Will aus seiner Lethargie zu reißen und ihn von seinen Depressionen zu befreien. Sie plant Ausflüge, die zum größten Teil völlig schiefgehen und Will überhaupt nicht angenehm sind, weil er nicht von Außenstehenden angestarrt und bemitleidet werden möchte. Vielmehr vermisst er es weiterhin, dass er nicht mehr der agile Mann von früher sein kann, der sein Leben mit vollen Zügen genossen hat. Bereits vor der Anstellung von Lou hatte er daher beschlossen, nach einer halbjährigen, hauptsächlich seiner Familien zuliebe vereinbarten Überbrückungszeit das Angebot des in der Schweiz ansässigen Vereins Dignitas in Anspruch zu nehmen und mit deren Hilfe freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Es hat mich sehr gefreut, dass das Thema Sterbehilfe aufgegriffen wurde. Ich kenne bisher nicht viele Autoren, die sich an das Thema herangetraut haben. (Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang ist der dokumentarische Bericht „Tanner geht. Sterbehilfe — Ein Mann plant seinen Tod“ von Wolfgang Prosinger).

Auf der einen Seite steht Lou, die nicht verstehen kann, dass Will nicht imstande ist trotz Behinderung die schönen Seiten im Leben zu entdecken. Auf der anderen Seite pocht Will auf sein Recht der Selbstbestimmung. Sehr gelungen fand ich, dass Moyes der Versuchung widerstanden hat, der aufkeimenden Liebesgeschichte ein Happy End zu bereiten. So hätte das Buch nur an Glaubwürdigkeit verloren. Zum Glück hat sie Wills Wunsch konsequent durchgezogen und somit gezeigt, dass nicht immer Liebe das Allheilmittel schlechthin ist. Will geht seine Würde — er kann im Gegensatz zu früher nicht mehr selbstständig für sich selbst sorgen und ist immer auf andere angewiesen — über seine Gefühle zu Lou, was sie zum Schluss letztendlich auch einsieht.

Einige Kritiker werfen Moyes vor, dass ihre Sätze keine Tiefe besitzen, sie sich einfachster Vokabeln bemächtigt und das Buch die Thematik Sterbehilfe nur an der Oberfläche behandelt. Das mag alles sein, dennoch hat es das Buch geschafft, mich zum Nachdenken anzuregen: Was würde ich machen, wenn ich in Wills oder Lous Situation wäre? Wenn es ein Buch schafft, dass man für einen kurzen Moment innehält und über seine Einstellung zu bestimmten Themen nachdenkt, dann ist es mehr als lesenswert — und wenn es nur als Einstieg zur weiterführenden Literatur dient.