Kritik: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

Seit Ewigkeiten hat es endlich wieder ein Buch geschafft, dass ich mich darauf gefreut habe, abends vor dem Schlafengehen noch ein paar Seiten zu lesen. Als ich mir „Ein ganzes halbes Jahr“ aus der Bücherei ausgeliehen habe, habe ich eigentlich nicht allzu viel von dem Werk erwartet, da der Klappentext nicht unbedingt Lust auf mehr gemacht hat und die Ausgangssituation einem doch recht bekannt vorkommt: Lou verliert ihen Job im Café und landet daher als (Pflege-)Hilfe bei Will Traynor, der gelähmt im Rollstuhl sitzt. Klingt nach „Ziemlich beste Freunde“, ist es am Anfang auch. Doch die Vorzeichen sind andere. Ist der Film eher als Komödie angelegt, verfolgt das Buch von Jojo Moyes trotz einiger komischer Passagen einen etwas ernsteren Ton. Bitte nur weiterlesen, wer den Schluss kennt oder keine Probleme damit hat, dass ihm einige wichtige Details verraten werden. Ich finde bei diesem Buch kann man keine Rezension schreiben, ohne auch auf das Ende einzugehen.

————————————————————————————————————————————–

Lou versucht alles, um Will aus seiner Lethargie zu reißen und ihn von seinen Depressionen zu befreien. Sie plant Ausflüge, die zum größten Teil völlig schiefgehen und Will überhaupt nicht angenehm sind, weil er nicht von Außenstehenden angestarrt und bemitleidet werden möchte. Vielmehr vermisst er es weiterhin, dass er nicht mehr der agile Mann von früher sein kann, der sein Leben mit vollen Zügen genossen hat. Bereits vor der Anstellung von Lou hatte er daher beschlossen, nach einer halbjährigen, hauptsächlich seiner Familien zuliebe vereinbarten Überbrückungszeit das Angebot des in der Schweiz ansässigen Vereins Dignitas in Anspruch zu nehmen und mit deren Hilfe freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Es hat mich sehr gefreut, dass das Thema Sterbehilfe aufgegriffen wurde. Ich kenne bisher nicht viele Autoren, die sich an das Thema herangetraut haben. (Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang ist der dokumentarische Bericht „Tanner geht. Sterbehilfe — Ein Mann plant seinen Tod“ von Wolfgang Prosinger).

Auf der einen Seite steht Lou, die nicht verstehen kann, dass Will nicht imstande ist trotz Behinderung die schönen Seiten im Leben zu entdecken. Auf der anderen Seite pocht Will auf sein Recht der Selbstbestimmung. Sehr gelungen fand ich, dass Moyes der Versuchung widerstanden hat, der aufkeimenden Liebesgeschichte ein Happy End zu bereiten. So hätte das Buch nur an Glaubwürdigkeit verloren. Zum Glück hat sie Wills Wunsch konsequent durchgezogen und somit gezeigt, dass nicht immer Liebe das Allheilmittel schlechthin ist. Will geht seine Würde — er kann im Gegensatz zu früher nicht mehr selbstständig für sich selbst sorgen und ist immer auf andere angewiesen — über seine Gefühle zu Lou, was sie zum Schluss letztendlich auch einsieht.

Einige Kritiker werfen Moyes vor, dass ihre Sätze keine Tiefe besitzen, sie sich einfachster Vokabeln bemächtigt und das Buch die Thematik Sterbehilfe nur an der Oberfläche behandelt. Das mag alles sein, dennoch hat es das Buch geschafft, mich zum Nachdenken anzuregen: Was würde ich machen, wenn ich in Wills oder Lous Situation wäre? Wenn es ein Buch schafft, dass man für einen kurzen Moment innehält und über seine Einstellung zu bestimmten Themen nachdenkt, dann ist es mehr als lesenswert — und wenn es nur als Einstieg zur weiterführenden Literatur dient.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s